Jahrestagung Organisationspädagogik

Jahrestagung DGfE Sektion Organisationspädagogik 27./28.02.2020

 

Kieler Hafen

Organisation zwischen Theorie und Praxis

Organisationen sind in vielfacher Hinsicht sowohl Entitäten als auch soziale Prozesse, die sich aus theoretischer (gemeint ist hierbei auch empirischer) und praxisbezogener Perspektive, vor allem aber aus dem Wechselspiel zwischen Theorie, Empirie und Praxis, genau jenem ‚Dazwischen‘ verstehen lassen.

Dabei wäre es deutlich zu einfach, eine Dichotomie der aus der griechischen Philosophie stammenden Begriffe Theorie und Praxis zugrunde zu legen, die einerseits Theorie als Wissenschaft (Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft, spezifischer Organisationspädagogik) bestimmt und andererseits Praxis nur als die Anwendung des in der Theorie generierten Wissens begreift und damit den Theoretiker*innen und Forscher*innen das Denken über Organisation, den Praktiker*innen das Handeln und ‚Machen‘ in Organisationen überlässt (vgl. Heid 2004). Vielmehr ist auch Forschung als Alltagspraxis der Forschenden zu begreifen und sind etwa Hochschulen Orte, die sich neben Lehre und Forschung durch alltägliche Praktiken der Verwaltung auszeichnen. Ebenso sind pädagogische und nicht-pädagogische Organisationen an der Generierung, Überprüfung und Weiterentwicklung organisationalen Wissens beteiligt. Praxis ist nicht theorielos, sondern (re)produziert ihre eigenen, häufig implizit bleibenden Theorien. Theorie und Praxis sind daher beobachtungsabhängige Größen, deren Verhältnis organisationspädagogisch näher zu bestimmen ist.

Die Tagung setzt sich zum Ziel, die komplexen Relationen zwischen Theorie und Praxis der Organisation, zwischen Wissen und Können, Regelerwartungen und -praktiken etc. sowohl theoretisch-konzeptionell, methodologisch-methodisch, als auch empirisch und praxisreflexiv zu diskutieren. Dabei sollen – mit Blick auf das Theorie-Praxis-Problem in der Erziehungswissenschaft – auch die unterschiedlichen Erwartungen der Praxis an wissenschaftliche Theorie und Empirie (etwa nach Aufklärung, Orientierung, Reflexion) bzw. der Wissenschaft an die Praxis (etwa nach Erfahrung, Anregung, Korrektur der Theoriebildung) fokussiert werden (vgl. Benner 1980), so dass Anregungen zum Weiterdenken sowohl aus dem fachwissenschaftlichen Diskurs als auch dem Praxisdiskurs gewonnen werden können. Insbesondere Lernprozesse in, von und zwischen Organisationen verändern potentiell das Verhältnis von Theorie und Praxis. Eine Reflexion des ‚Dazwischen‘ wird auch mit Blick auf die organisationspädagogische Gestaltung und Begleitung organisationaler Lern-, Bildungs- und Veränderungsprozesse erforderlich.

(Organisations)Pädagog*innen müssen (wie andere organisationale Praktiker*innen) mit der Differenz zwischen den vielfältigen theoretischen und empirischen Angeboten der Wissenschaft und dem häufigen Vorwurf an diese Angebote, sie seien in der organisationalen Praxis folgenlos bzw. nicht umsetzbar ebenso wie mit der zuweilen etablierten ‚Theoriefeindlichkeit‘ oder ‚Unbelehrbarkeit‘ organisationaler Praxis umgehen lernen und jenseits dieser ‚einschnappenden Reflexe‘ agieren können.

Die geplante Tagung möchte daher die komplexen Relationen, Ambivalenzen bzw. Widersprüche, aber auch die Chancen und (bisher ungenutzten) Optionen des ‚Dazwischen‘ aus einer organisationspädagogischen Perspektive ausloten und dabei u.a. nach den Ansprüchen, die diese Sicht an organisationspädagogische Theorieentwicklung und empirische Forschung stellt, fragen; die Rolle von Praxisdiskursen für den organisationspädagogischen Diskurs thematisieren; den (u.a. methodologisch-methodischen) Herausforderungen des Transfers wissenschaftlichen Wissens in die organisationale Praxis (und umgekehrt) nachgehen; die dabei erforderlichen multiplen ‚Übersetzungsleistungen‘ (vgl. Schmied-Kowarzik 2008) wie ‚blinde Flecken‘ zwischen beiden Perspektiven berücksichtigen und die Generierung spezifischen organisationspädagogischen Wissens mit Blick auf das ‚Dazwischen‘ fokussieren.

Die Tagung begibt sich damit auf die Suche nach angemessenen theoretischen wie konzeptionellen und empirisch exemplarischen Beschreibungen, wie sich einerseits organisationspädagogische Forschung auf organisationale Praxis bezieht, diese zu erfassen versucht, andererseits aber auch durch Herausforderungen der organisationalen Praxis angeregt, beeinflusst und (weiter)entwickelt wird.